Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Gäste, meine lieben Freunde, seien Sie noch einmal herzlich begrüßt.

 

Lassen Sie mich mit Johann Wolfgang von Goethe sagen; Das Tun interessiert, das Getane nicht. Sicher, spannender ist das, was noch kommt, als des Gewesene. Das Neue ist immer aufregend. - Aber in Augenblicken wie diesen ist es wichtig, einen Schritt zurückzutreten, das Getane zu betrachten und zu prüfen. Wenn wir damit zufrieden sind, dann können wir sagen: Weiter so! – Deshalb beginnen wir bei unserem Neuanfang.

Am 3. November 1990 wurde in Magdeburg der Blinden- und Sehbehinderten-Verband Sachsen-Anhalt gegründet. Die Delegierten aus den Bezirksorganisationen Halle und Magdeburg des damaligen Blinden und Sehschwachen-Verbandes der DDR waren noch recht unsicher, wie ein solcher selbständiger Landesverband  der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe und seine Zukunft für Sachsen-Anhalt aussehen würde.  Nach der Gründung und der Abwicklung der für uns ungewohnten neuen Formalien, wurde der BSVSA ordentliches Mitglied im damaligen Deutschen Blindenverband – jetzt Deutscher Blinden- und Sehbehinderten-Verband, sowie im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband Landesverband Sachsen-Anhalt.

 

Zur weiteren Nutzung und zum Erhalt der Einrichtungen des früheren Blinden- und Sehschwachen-Verbandes der DDR wurde im November 1990 in Berlin ein Förderverein gegründet, der aus den Erträgnissen vorgenannter Objekte auch den Aufbau der Verbände der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe in den neuen Bundesländern unterstützte. Auch in diesem Verband wurde der BSVSA ordentliches Mitglied.

 

In der Gründungsphase bestand eine enge Zusammenarbeit zum benachbarten Blinden- und Sehbehinderten-Verband Niedersachsen, der uns mit Rat und Tat unterstützte und half die „Klippen“, die alles Neue in sich birgt, zu umschiffen.

 

Alle Bemühungen wurden in diesem Zeitraum zunächst auf die Umsetzung der damals beschlossenen neuen Satzung gerichtet. Der Verwaltungsrat kam zwei Wochen nach der Verbandsgründung zu seiner ersten Beratung in Güntersberge zusammen. Er beschloss wichtige Grundsätze zum Aufbau des BSVSA und versuchte, die vielen Fragen der Kreisvorsitzenden zu beantworten, das war nicht immer leicht, denn auch der Vorstand stand mit seiner Arbeit ganz am Anfang, jedoch konnten wir uns auch hier stets des Rates und der Unterstützung unserer niedersächsischen Freunde und des damaligen DBV-Vorstandes sicher sein.

Die Entwicklung unseres Landesverbandes gestaltete sich in verschiedenen Etappen und richtete sich immer nach den zu lösenden Problemen für unsere blinden und sehbehinderten Mitglieder.

Eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung der Blindheitsfolgen spielt das persönliche und soziale Umfeld, insbesondere der Halt in der Familie oder Partnerschaft.

Kaum weniger wichtig ist jedoch auch der Austausch mit anderen Betroffenen, das sich Kennen lernen oder von den Erfahrungen Gleichbetroffener und deren Strategien zur Bewältigung ihres Alltags zu partizipieren.

Diesem Gedanken der Selbsthilfe trägt in Sachsen-Anhalt der Blinden- und Sehbehinderten-Verband mit seinen zahlreichen Untergliederungen und Selbsthilfegruppen im ganzen Land Rechnung. Mit seinen Beratungs- und Betreuungsangeboten, mit Informationen  und Kommunikations- und Begegnungsmöglichkeiten bietet er seinen Mitgliedern und allen anderen Ratsuchenden, Betroffenen und Angehörigen Rat und Hilfe. Für diese Aufgabe engagieren sich etwa 300 selbst Betroffene ehrenamtlich. Sie bilden mit einigen wenigen hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Rückgrat der Selbsthilfeaktivitäten des Verbandes.

 

In der ersten Etappe der Verbandsgründung haben wir intensive Kontakte zur Landesregierung geknüpft und eine enge Zusammenarbeit mit ihr aufgebaut. Im Vordergrund stand dabei zunächst die Schaffung eines Landesblindengeldgesetzes, wie es in jedem der alten Bundesländer bestand. Ein solches Gesetz beschloss der Landtag am 14. Mai 1992. Damit gab es auch in Sachsen-Anhalt wie in allen anderen Bundesländern einen Nachteilsausgleich für blinde und sehbehinderte Menschen unabhängig von Einkommen und Vermögen, dass in jedem Jahr dynamisiert wurde. Doch währte dieses Glück nicht sehr lange in der zweiten Hälfte der 90-iger Jahre war der Zenit dieser Entwicklung erreicht, die Begehrlichkeit der Finanzpolitiker gewann die Oberhand, erst das Einfrieren der Leistung, dann das Absenken in Etappen. Im zähen Ringen mit den Politikern war es uns gelungen einen erheblichen Teil zu erhalten und zusätzlich eine Leistung für die hochgradig Sehbehinderten zu erreichen.

 

In den ersten Jahren gelang es regelmäßige Gespräche mit dem damaligen Minister für Arbeit und Soziales, sowie mit dem Beauftragten für die Belange behinderter Menschen zu führen. Weitere intensive Kontakte gab es zu den Ministerien der Finanzen, Städtebau, Wohnungswesen und Verkehr, sowie Kultus und Wissenschaft.

 

Ich würde mir wünschen auch noch heute in vielen Fragen der Sozialpolitik diese von echtem Pioniergeist getragene Zusammenarbeit erneut pflegen zu können.

 

Unterstützung erhielten wir vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Landesverband Sachsen-Anhalt. Durch die Arbeit in dessen Gremien fanden wir die notwendigen Ansprechpartner und kamen mit anderen Selbsthilfeorganisationen zusammen. Der PARITÄTISCHE unterstützte unsere Tätigkeit auch durch die Vermittlung von Fördermitteln, dies ermöglichte es uns verschiedene für unseren Aufbau notwendige Projekte zu initiieren und zu realisieren.  Dabei stand im Vordergrund eine kompetente Beratung für blinde und sehbehinderte Menschen zu entwickeln und durchzuführen.

Die vielfältigen Veränderungen in der Gesetzgebung provozierte bei den Blinden und Sehbehinderten einen erheblichen Beratungs- und Unterstützungsbedarf. Der Verwaltungsrat des Verbandes beschloss deshalb bereits im Oktober 1991, die Beratung der Blinden und Sehbehinderten zu professionalisieren und beauftragte den Landesvorstand, dafür Beratungsstellen einzurichten, diese wurden zeitlich gestaffelt in Halle, Magdeburg und Stendal etabliert.

Ihre Tätigkeit, die ich eingangs bereits erwähnte, war zunächst auf die Anleitung und Unterstützung der ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Kreisorganisationen bei der Beratung und Betreuung der Blinden und Sehbehinderten gerichtet. Darüber hinaus musste in den öffentlichen Sprechstunden, die zu festen Anlaufstellen für Betroffene und andere interessierte Personen geworden sind, bei vielen unterschiedlichen Problemen Hilfe geleistet werden. Die Mitarbeiter der Beratungsstellen mussten sich ständig neu qualifizieren, um den Ratsuchenden umfassend zu helfen.

In den Beratungsstellen werden die Verbandspublikationen auf Tonträgern erstellt, vervielfältigt und an mehrere Hundert Abonnenten im gesamten Land versandt.

 

Für Hilfesuchende steht seit Dezember 1993 ein ambulanter Begleit- und Vorlesedienst als zusätzliches Angebot in Magdeburg, Halle und der Altmark zur Verfügung, der vorwiegend von Alleinstehenden oder blinden Ehepaaren genutzt wird.

 

„Als Festredner sollte man sich nicht festreden“, deshalb möchte ich auf die Aktivitäten unseres Landesverbandes in gemeinnützigen Gesellschaften und in anderen Gremien der Selbsthilfe auf Bundes- und Landesebene nicht weiter eingehen, obgleich auch sie ein hohes ehrenamtliches Engagement vieler Mitglieder erfordern. Sie meine lieben Gäste sind eingeladen Einzelheiten in der Ihnen übergebenen Festschrift nachzulesen.

 

In der Auslegung des eingangs zitierten Goethewortes blicken wir auf das Vollbrachte zurück, man kann ruhigen Gewissens konstatieren, - es ist gut getan! – Dafür, meine Damen und Herren, liebe Gäste, möchte ich allen Ehrenamtler, sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern herzlich danken!

 

Bei dem Goethewort bleibend bin ich animiert meinen Blick in die Zukunft zu richten.

Dabei bewegt unsere Mitglieder und Funktionsträger die Frage nach sozialer Sicherheit besonders, wir als Selbsthilfeorganisation können dazu keine befriedigende Antwort geben, sondern in qualifizierten Beratungen unterstützen und in vielen Fällen Hilfe organisieren.

Es gibt jedoch keinen Grund sich in Pessimismus zu üben, sondern sich der Kraft der Gemeinschaft zu versichern und mit Zuversicht an der Sicherung des sozialen Status Blinder und Sehbehinderter in Sachsen-Anhalt zu arbeiten und darüber hinaus diese zu verbessern.

Dazu ist es vordergründig erforderlich unseren Landesverband zu stärken und damit weiter politisch Einfluss zu gewinnen, dass den Entscheidungsträgern die Folgen ihres Handelns im Sozialbereich immer aufs Neue verdeutlicht werden. In den vergangenen Jahren hatten wir auch in Sachsen-Anhalt immer wieder, wie bereits erwähnt, um das Landesblindengeld zu kämpfen und haben in der jüngsten Zeit unsere niedersächsischen Freunde und am vergangenen Wochenende erneut die Freunde in Thüringen bei machtvollen Kundgebungen unterstützt. Wir Blinden und Sehbehinderte dürfen uns nicht in ein soziales Abseits drängen lassen, uns nicht damit abfinden eine gesellschaftliche Nische zu finden und uns dort verkriechen. Es darf nicht sein, das neoliberales Gedankengut parteiübergreifend zur Basis der Sozialpolitik wird. Sozial ist nicht die Verhinderung von Armut, sondern die Schaffung von angemessenen Nachteilsausgleichen für eine selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, dies gilt nicht nur für Blinde und Sehbehinderte, sondern für alle in der Gesellschaft Benachteiligte. Wir werden uns mit allen verfügbaren Mitteln gegen eine solche Entwicklung wehren.

Um das dazu notwendige politisches Gewicht zu erreichen muss unbedingt die Basis des Landesverbandes gestärkt und verbreitert werden, das heißt, dass sich die Entwicklung der Mitgliedschaft der letzten Jahre umkehrt und sich steil nach oben richtet. Dies ist nur zu erreichen, wenn neue bisher unzureichend integrierter Gruppen Sehgeschädigter oder von Blindheit Bedrohter angesprochen werden und durch unsere Angebote aufmerksam gemacht werden. In unseren Beratungen sollten wir beispielsweise der Gruppe der von AMD Betroffenen eine Alternative zu der von den Ophthalmologen aufgezeigten Horrorszenario der völligen Erblindung und des damit verbundenen schwarzen Loches in das sie fallen, aufzeigen. 

 

Wir sollten uns hier mehr der Pfingstbotschaft des Neuen Testaments erinnern, denn da heißt es;  „... gehet hin und verkündet...„  ; es steht nicht „wartet und beratet die, die sich zu Euch verlaufen“! – Es muss also noch viel getan werden um unsere Botschaft zu verbreiten, wir werden neue bisher ungewohnte Wege beschreiten müssen und wir werden weiter in das Blickfeld der Gesellschaft rücken müssen, aber auch die Solidarität der Gesellschaft einfordern, dazu braucht es weiterer Verbündeter und auch des Rückhaltes aus den Reihen der Politik.

 

Meine Damen und Herren, liebe Freunde lassen Sie uns gemeinsam den rückblickend beschworenen Pioniergeist erneut beleben im Sinne und zum Wohle der Blinden und Sehbehinderten Sachsen-Anhalts und weit darüber hinaus!

 

Für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld vielen Dank!