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Dario
Malkowski -
Heute bekennt Dario Malkowski: "Ich wollte immer Maler werden. Schon als Kind habe ich überall gemalt und gezeichnet". Die beste Voraussetzung bildete die Fähigkeit, die Welt präzise, aber doch poetisch zu betrachten und das Gesehene bildkünstlerisch umzusetzen. Das Leben wurde für ihn "ein einzig' Schauen". Eine tief empfundene "Ehrfurcht vor dem Leben", wie sie Albert Schweitzer zur Lebensmaxime erhoben hatte, sollte auch in seinem künftigen Leben Orientierung sein, künstlerisch umgesetzt mit den Mitteln der Malerei. Doch das letzte, was seine Augen von dieser Welt sahen, war im November 1944 das Morgenrot über Jülich, bevor ihm eine Granate das Gesicht zerstörte und das Augenlicht für immer raubte. Für den Achtzehnjährigen brach eine Welt zusammen. Sein Glaube und seine Träume halfen ihm jedoch, dieser außerordentlichen Herausforderung des Schicksals begegnen zu können.
Mit dem Mut des Verzweifelten begann er mit Holzschnitzereien. Gegenstand der künstlerischen Gestaltung waren zunächst verständlicherweise Themen, die sich mit den Kriegserlebnissen und seinem Blindsein auseinandersetzten. Was nicht mehr optisch wahrzunehmen und zu überprüfen war, musste aus dem Gedächtnis durch Eindrücke ersetzt werden, die früher durch die Augen empfangen worden waren, die Hände mussten "sehen" lernen. 1945 als Vollblinder aus dem Lazarett entlassen, kam es nicht gleich zu einer Blindenumschulung. Als er schließlich eine Blindenschule hätte besuchen können, verzichtete er darauf. Er suchte und fand selbst seinen Weg. Nach der Gewerbeprüfung als Holzschnitzer nahm er in Magdeburg und Leipzig an den Fachschulen für angewandte Kunst ein Studium auf, das er 1953 mit dem Staatsexamen abschloss.
Dario Malkowski ist in der Magdeburger Börde aufgewachsen, und seiner Heimat blieb er trotz mancher Widerwärtigkeiten und Versuchungen bis auf den heutigen Tag treu. Den Menschen und besonders der Natur dieser Gegend fühlt er sich verbunden, sie finden in seinen Werken auf vielfältige Weise ihren Niederschlag. Dazu gehören der "Zeitungsträger" und "Okko" ebenso wie die "Kiepenfrau" und der "Feierabend". Diese Arbeiten sind volkstümlich im besten Sinne, da sie nie ins Volkstümelnde oder Folkloristische abdriften, sondern immer allgemein menschliche Züge und Verhaltensweisen widerspiegeln. Auch mit seinen Tiergestaltungen, wie den Reliefs für einen Schönebecker Kindergarten, verschiedenen Plastiken des Elbebibers oder dem "Seeadler", bleibt er nie an der abgebildeten Oberfläche, sondern dringt zum Wesen der dargestellten Kreaturen vor. Dario Malkowski ist fest im christlichen Glauben verwurzelt. Dieser gab ihm Mut zum Leben und zum Überleben in schwierigen persönlichen Situationen, von dort wachsen ihm Kräfte und auch Anregungen für künstlerische Gestaltungen zu. Viele Arbeiten mit religiöser Thematik entstehen aus eigenem Antrieb. Aber auch die Kirche hat Aufträge vergeben und Kunstwerke von ihm erworben. Besonders in der Vergangenheit bot sie auch häufig die Möglichkeit der Präsentation. Die Werke regen zum Nachdenken, zum Sich-Besinnen oder zur Meditation an, sie zielen stets auf das Innere des Betrachters. Die Plastiken und Reliefs lassen neben der künstlerischen Meisterschaft, mit der sie ausgeführt sind, leicht vergessen, welch umfangreiches Wissen und welch außergewöhnliche Kenntnis der Kunst- und Kulturgeschichte Voraussetzung sind, damit die inneren Bilder des Künstlers greifbare Gestalt annehmen können Seit Beginn seines Schaffens rechnet Dario Malkowski mit dem aktiven Betrachter. Er macht es ihm mitunter nicht leicht und stellt auch an ihn hohe Ansprüche. Schon der "Pflanzer", seine Examensarbeit, ist vielseitig auslegbar. Mit zunehmendem Alter mehren sich die Arbeiten mit tiefsinniger, ja mitunter doppelsinniger Aussage, ohne jedoch intellektuell spitzfindig zu werden. Am bekanntesten aus diesem Werkkreis ist sicher das "Buch des Lebens" das als Bronzeplastik nicht nur als Hörspielpreis des Bundes der Kriegsblinden Deutschlands vergeben wurde, sondern sich auch in der Kongressbibliothek für Blinde und Sehbehinderte in Washington befindet. Dieses Hintergründige, das dem Betrachter vielfältig Raum für eigene Interpretationen lässt, ihm auch gestattet, seine eigene Lebenserfahrung mit einzubringen, lässt sich in einer ganzen Reihe von Arbeiten nachweisen. - Bedarf es da noch des Wortes? Früher hat der Bildhauer nämlich auch Gedichte geschrieben, und manchmal tut er es vermutlich heute noch. Solche Doppelbegabungen sind so selten nicht, in jedem Falle erweitern sie die Ausdrucksmöglichkeiten des Künstlers. Für ihn bedeutet dies vielleicht ein zusätzliches Medium, in dem er Gefühle ausdrücken kann, die anderweitig nicht fassbar sind, nicht "begriffen" werden können. Seit der Antike ist die Allegorie ein legitimes Mittel, abstrakte Begriffe bzw. Denkvorgänge, besonders durch die Personifizierung, zu vergegenständlichen. Auch Dario Malkowski bedient sich dieser Möglichkeit, um immerwährende menschliche Beziehungen und Befindlichkeiten, aber auch Gefahren oder Bedrohungen gegenständlich vor Augen zu führen. Die Grenzen zwischen religiösen und weltlichen, zwischen persönlichen und gesamtgesellschaftlichen Bereichen sind dabei meist nicht streng zu ziehen, lassen sie sich doch auch im täglichen Leben kaum voneinander abgrenzen. Meist gibt es zu Beginn einer Arbeit eine relativ klare Vorstellung vom Ergebnis, das schließt jedoch eine laufende Korrektur und Veränderung während des Schaffensprozesses nicht aus. Der erste "Gutachter" ist zwar seine Frau Regina, die ihm bei der Farbgestaltung und beim Glasieren hilfreich zur Seite steht, der strengste Kritiker seiner Arbeit ist er jedoch selbst. Das Ergebnis wird immer wieder in Frage gestellt, so dass Selbstzufriedenheit gar nicht erst aufkommt. Die Wende in den neuen Bundesländern bot dem Menschen und dem Künstler Dario Malkowski neue Möglichkeiten, stellte für ihn aber auch eine große Herausforderung dar. Es entstand eine Werkgruppe, die, zumeist szenisch angelegt, die sich wandelnden Verhältnisse voll Hoffnung begleitet, aber auch kritisch auf Ungerechtigkeiten und auf die Gefährdung der neuen Freiheit hinweist.
"Justitia heute", Höhe
60 cm, Breite 51 cm, In den Achtziger Jahren entsteht in loser Folge eine Gruppe von Plastiken, die sich durch eine starke Abstraktion auszeichnet. Sie tragen Titel wie "Keimung", "Durchdringung" oder "Kaskade". Einige wurden für Freiflächen in Erfurt und Leipzig geschaffen, andere entstanden unter dem Eindruck tiefen persönlichen Erlebens. Trotz des unterschiedlichen Grades der Abstrahierung liegt auch ihrer Gestaltung als Quell der Erkenntnis ein solides Naturstudium zugrunde. Trotz des umfangreichen Repertoires seiner Themen steht die Gestaltung des Menschen, seiner Befindlichkeiten und seiner Gefühle im Mittelpunkt, und er gestaltet sie so, dass sie "gefühlt", also "begriffen" werden können. Die Spannweite reicht dabei von der Kinderplastik über den lebensgroßen Frauenakt bis hin zum kauzigen Stadtoriginal. Eine besondere Rolle spielen für ihn Hände. Ihre sensible Gestaltung fasziniert immer wieder. Er vermag es, in ihnen die Aussage über eine Person zu konzentrieren. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass für ihn als Blinden die Hand des anderen den ersten, meist den einzigen Körperkontakt herstellt. Außerdem spielen für ihn selbst die eigenen Hände eine außerordentliche Rolle. Sie dienen ihm nicht nur als Werkzeug bei der Umsetzung der Bilder, die vor seinem geistigen Auge entstehen, sie müssen auch die Funktion der Augen übernehmen und als "sehende Hände" den Blick in die Welt öffnen. Hans-Hermann Laube, Schönebeck/E., März 1996 |
Die letzte Änderung erfolgte am 23.03.09